Wahrnehmung, Fremdbild, Selbstbild

Wenn das was du siehst, nicht das ist, was dir gezeigt wird.

Wenn die Aussage und unsere Wahrnehmung nicht überein stimmen…

Viele von uns sensitiven Menschen kennen solche Begegnungen nur all zu gut. Das wahre Befinden unseres Gegenübers ist so deutlich fühlbar, als ob es auf die Stirn geschrieben wäre. Dennoch verzieht es keine Mine und versucht uns glauben zu machen, es wäre alles ganz wunderbar.


Als ich noch ein Mädchen war, hat mich sowas oft verwirrt. Später, als junge Frau, ging ich darüber in den Zorn. Ich fühlte mich belogen und für dumm verkauft.
„Ich kann dir ja ansehen, dass es dir dreckig geht. Warum belügst du mich?“ hätte ich manchmal wirklich gerne laut gefragt.
Heute als mehrheitlich erwachsene Frau 😉 verstehe ich das Benehmen meiner Mitmenschen besser. Ich kann nachvollziehen, dass Mann und Frau nicht über die tiefen und schmerzenden Wunden sprechen wollen und dass es eine weit verbreitete Technik ist, sich selbst auf möglichst kreative Art und Weise über deren Existenz hinwegzutäuschen. Das habe ich auch gelernt…
Trotzdem macht das den Schmerz oder die Bedrückung für mich und die, die so sind wie ich, aber nicht weniger sichtbar.

Die Frage bleibt, wie gehen wir damit um?

Ich glaube nicht, dass es eine allgemein gültige Strategie gibt. Doch Achtsamkeit ist in solchen Momenten eine gute Weggefährtin. Denn manchmal sind es nur die Augen, die den Hilfeschrei verraten oder eine klitzekleine Bemerkung, ein Wort, das zwischen die Zeilen fällt. Eine Kopfbewegung oder eine Veränderung in der Stimme, mit welcher dir dein Gegenüber die Möglichkeit gibt, ein Gespräch zu beginnen. Aber bitte sei nie enttäuscht, wenn dein Gesprächspartner nicht reden, sich dir nicht mitteilen will. Es ist ihm/ihr überlassen. Voll und ganz! Lasst uns einander beim Wort, dieses aber nicht unbedingt für bare Münze nehmen. Schliesslich hat doch schon wirklich jeder von uns mal ein bisschen „geschwindelt“, nicht?

Ich persönlich bitte in solchen Situationen oftmals um eine Umarmung. Und dies nicht aus dem Impuls heraus, dass ich glaube, mein Gegenüber würde eine Umarmung brauchen. Nein, ICH bin es, die dann eine Umarmung wünscht, weil die Erinnerung an meinen Schmerz durch die Seele, die mir gegenüber steht berührt wird und erwacht. Ich sehe mich selbst. Diesen Schmerz, diese Schwere, diese manchmal unerträgliche Last, die sich auf den Zügen meines Gegenübers abzeichnet, die kenne ich. Ich kenne sie auf meine Weise.

Strahlen wie ein Honigkuchenpferd :-)Vielleicht liegt es daran, dass ich eine Frau bin, denn das tiefe und ehrliche Bedürfnis, diesen Menschen einen Augenblick in die Arme zu schliessen, flammt dann offen, manchmal heftig in mir auf. Einfach zusammen da zu stehen, einander liebevoll zu umarmen. Miteinander zu atmen und die unerträgliche Last meiner Schwester oder meines Bruders zu halten. Diesen innigen Augenblick gemeinsam zu teilen.
Die Welt und die Zeit einen Moment zu vergessen und mich ganz auf die Seele, die ich im Arm halte, einzulassen. Das heilt auch meine Wunden.
Ich umarme nicht aus Mitleid. Ich umarme aus Liebe. Es ist für mich zu einer Geste des Respekts und der Anerkennung für mein Gegenüber geworden. Es ist eine Ehrerbietung an die Seele meines Gegenübers, die sich in einen Kampf verstrickt hat, den ich doch nur all zu gut kenne. Gemeinsam sind wir stark.
Ich denke diese Welt ist ein so wundervoller Ort und wenn wir ihn miteinander teilen, in guten und in schlechten Tagen, dann machen wir sogar etwas ganz Besonderes daraus.

Natürlich ist es nicht immer angebracht, jemanden länger als nur so ein „hug“ lang zu drücken, wenn überhaupt. Solche längeren Umarmungen können auch zu Missverständnissen führen. Aber mal ehrlich. Unsere Kommunikation mit Worten führt ja auch nicht immer direkt zu gegenseitigem Verständnis, oder? Manchmal verstehen wir einander halt einfach nicht ganz. Kommt vor! Ist dann auch gleich eine gute Gelegenheit, einander besser kennen und verstehen zu lernen. Also scheue dich nicht, offen anzusprechen, was du denkst oder was eine Situation mit dir macht. Denn wenn du ein sensitives Gegenüber hast, hat es sowieso schon bemerkt, dass etwas in dir vor geht.
Wir brauchen uns nicht zu verstellen, weder zu verbiegen noch auf andere Weise anzupassen. Jeder braucht einmal Hilfe und jeder kann Hilfe geben. Auf die eine oder die andere Weise. Zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort.

Umarmen ist nicht dein Ding? Don’t worry!

Was ist denn dein Ding?
Womit fühlst du dich wohl und gehst erfüllt aus den Begegnungen mit anderen Menschen?
Ich bin gespannt, von dir zu lesen und freue mich, wenn du einen Kommentar hinterlässt.

Von Herz zu Herz, von Seele zu Seele
Ich grüsse dich
Adriana

 

Künstler unbekannt, das Bild ist von Facebook

 

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7 Kommentare
  • Andrea

    26. Oktober 2016 in 11:54 Antworten

    Liebe Adriana

    Ich wünschte, Umarmungen würden mir leichter fallen. Mit selbst auserlesenen Freunden fällt es mir zwar leichter – doch mit meiner “Herkunfts- Familie” fällt es mir leider sehr schwer. Obwohl ich es mir wünsche ist eine spürbare Blockade da. Dann hilft etwas, was uns alle verbindet: ein aufrichtiges Lächeln.

    Von Herz zu Herz
    Andrea

    • Adriana

      26. Oktober 2016 in 12:15 Antworten

      Wie recht du hast, liebe Andrea, denn lächeln tun wir alle in derselben Sprache!
      Ich grüsse dich ganz herzlich und wünsche dir, viele heilende Umarmungen mit erlesenen Freunden und vielleicht sogar eines Tages mit Seelenfreunden aus deiner Familie.
      Von Herz zu Herz, ich bin mal so “frech”, sende ich dir eine geistige Umarmung.
      Adriana

  • Kerstin

    26. Oktober 2016 in 13:07 Antworten

    Lieben Dank, Adriana, für den Gedankenimpuls.
    Da gehöre ich tatsächlich zu den Menschen, die gerade bei sehr nahen Menschen es nicht immer so aussprechen können, wie es einem geht. Aus Sorge, dass sich der/die andere noch mehr sorgt (obwohl man selbst ja nicht in den anderen einsehen kann und sicher weiß, dass er zu dem Zeitpunkt wirklich gehetzt oder gestresst ist).
    Bei wohlgesinnten Menschen und auf gleicher Wellenlänge schwingende Menschen ist eine Umarmung (auch eine längere) etwas so heilsames, für beide Seelen. Das hast du in deinem Text wunderbar beschrieben.
    Wie machen wir es bei Menschen, die nicht visuell vor einem stehen? Die virtuelle Umarmung ist ein “Ersatz” klar, doch fehlt irgendwie so das i-Tüpfelchen 🙂

    Lieb gegrüßt
    Kerstin

  • EliSara

    26. Oktober 2016 in 23:15 Antworten

    Liebe Adriana – danke für deinen Impuls
    vor drei Jahren ging es mir mal so richtig sch….. – dass ich nicht mehr anders konnte als einfach direkt und ehrlich meine Gefühle preis zu geben. Es hatte wie einen Zapfen in mir weggeknallt. Ja und da habe ich wirklich sehr grosszügig vielen sehr ehrlich erzählt, wie es mir geht 🙂 ja und seid dem kann und will ich nichts anderes mehr sagen als die Wahrheit. Ich bin nicht mehr ganz so “gefühlsbetont” wie damals – aber wenn es mir nicht gut geht, sage ich ehrlich, heute ist nicht mein Tag… oder ähnliches. Oder je nach Gegenüber mute ich mich wirklich ganz dem du zu.
    Umarmungen sind für mich etwas vom Ehrlichsten und Schönsten was es gibt. Sie sagen so viel mehr als Worte. Ja und wie von dir so schön gesagt – es werden zwei davon berührt. Ich bin in einer Familie gross geworden, wo man /frau sich nicht freiwillig umarmt oder gestreichelt hat. Umso schöner ist es, dass ich den Weg und die Freude selber darin gefunden habe. Doch der Weg ging über ganz viel Schmerz und Zurückweisung… aber zum Glück ist umarmen so schööön, dass ich nie den Mut verloren habe weiter zu machen. Bei Begegnungen mit Menschen kann ich mich selten an Gesprochenes erinnern – was ich aber sofort zurück holen kann ist das Gefühl und Bild im Herzen, welches die Umarmung hinterlassen hat.
    Daher stimme ich dir voll und ganz zu – Umarmung ist mein Ding – ich liebe es liebevoll umarmt zu werden und verschenke sie genau so gerne weiter.
    Im dem Sinne – ich freue mich auf eine Wiederumärmelung mit dir – met Liebi EliSara
    ps kennst du die wundervolle Kampagne von Infirmis?

    https://youtu.be/ocBh9bgph_g

  • Nina

    27. Oktober 2016 in 13:57 Antworten

    Umarmungen geben mir so viel Kraft, sie mitten mich und stellen mich zurück in mein Herz.

    Doch lange konnte ich Umarmungen auch nicht geniessen, dafür jetzt um so mehr. Und ich habe auch gelernt dafür zu bitten wenn ich eine brauche, nicht immer aber immer öfter 🙂

    Gestern haben wir gerade darüber gesprochen, dass auch ICH LIEBE DICH mehr gesagt werden sollte, aber es könnte zu Missverständnissen führen… ich denke wenn ich in mir die Klarheit habe, dass ich jemandem sage ich LIEBE DICH vielleicht wie ein Bruder/Schwester, dann wird es auch so ankommen. Wenn nicht… tja… wie Adriana sagt: Missverständnisse gibt es auch mit Worten 😀
    Herzlichst
    Nina

  • Sonnenlicht

    27. Oktober 2016 in 14:18 Antworten

    Dass Jemand um eine Umarmung bittet, empfinde ich als ein Geschenk und bin dabei sehr berührt. Bis jetzt glaubte ich, dass der/die Bittende es selbst “benötigt”.
    Danke für deine Offenheit – das öffnet für viele eventuell die Augen. Und es kann die ganze Welt verändern … viel mehr Wärme und Liebe fließen …

  • Denise Disler

    3. November 2016 in 12:57 Antworten

    Ich gehöre zu jenen, welche Umarmungen eher mit etwas Widerstand zulassen, denn mir sind sie meist zu nah. Mich erfüllt ebenso ein Gespräch, das Zuhören, jemanden “sehen” und “fühlen” auch ohne die körperliche Umarmung. Ich finde es nicht wichtig, in welcher Form eine “Umarmung” daher kommt. Hauptsache, sie kommt von Herzen und aus tiefster Seele.
    Liebe Grüsse, Denise

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